Das Jubiläum 950 Jahre Kloster Scheyern lenkt den Blick auf einen Ort, der in der Geschichte des Klosters oft nur am Rande erwähnt wird: Bayrischzell. Hier, in einem hochgelegenen Tal am Rand des Mangfallgebirges, entstand im Jahr 1076 eine erste klösterliche Niederlassung. Aus dieser frühen Gründung entwickelte sich – über mehrere Stationen hinweg – das heutige Kloster Scheyern.
Die Anfänge in Bayrischzell waren schlicht. Die Gegend war abgelegen, das Klima rau, die Lebensbedingungen fordernd. Gerade diese Voraussetzungen machten den Ort geeignet für ein klösterliches Leben, das bewusst Abstand zu Macht, Reichtum und städtischem Leben suchte. In Bayrischzell wurde erprobt, ob ein streng geistlich ausgerichtetes Leben auch unter alpinen Bedingungen Bestand haben konnte.
Im 11. Jahrhundert stritten Kaiser und Papst darüber, wer in der Kirche das Sagen haben sollte – weltliche Herrscher oder geistliche Autoritäten. In dieser Zeit suchten viele Klöster einen Neuanfang mit einem einfachen, streng geregelten und unabhängigen klösterlichen Leben, um sich aus diesem Machtkampf herauszuhalten.
Adlige Frauen nutzten diese Reformbewegung bewusst, indem sie Klosterstiftungen ermöglichten, für das Seelenheil ihrer Familie sorgten und zugleich Einfluss auf die geistliche Ausrichtung nahmen. Klostergründungen waren nicht nur religiöse Vorhaben, sondern auch Ausdruck einer kirchlichen Erneuerungsbewegung.
Die Gründung der ersten klösterlichen Niederlassung in Bayrischzell geht auf Gräfin Haziga von Scheyern zurück. Sie gilt als Stammmutter der Wittelsbacher, die aus den Grafen von Scheyern hervorgingen und Bayern von 1180 bis 1918 – also über mehr als 700 Jahre – als Herzöge, Kurfürsten und Könige prägten. Als Witwe des Pfalzgrafen Otto von Scheyern verfügte Haziga über umfangreiche Besitzrechte, darunter auch das Gebiet am Ursprung der Leitzach.
Ihre Entscheidung für Bayrischzell war bewusst getroffen: In einer Zeit politischer und kirchlicher Spannungen sollte hier ein Ort geistlicher Erneuerung entstehen – fern von Repräsentation und weltlicher Nähe, in der Tradition der frühen christlichen Einsiedler.
Zunächst lebten in Bayrischzell die beiden Eremiten Otto und Adalbert in einer einfachen Zelle mit einer kleinen Margarethenkapelle. Aus dem lateinischen Wort cella für „kleiner Raum“ oder „Klosterzelle“ leitet sich bis heute der Ortsname Bayrischzell ab.
Um 1079 übergab Haziga die Niederlassung dem Reformkloster Hirsau. Ein Konvent von zwölf Mönchen zog ein – die notwendige Voraussetzung für die Errichtung einer eigenständigen Abtei. Mit ihnen hielten feste Gebetszeiten, eine einfache Lebensweise und eine klar strukturierte Liturgie Einzug. Bayrischzell wurde damit zu einem frühen Standort der klösterlichen Reformbewegung im Alpenraum, die so berühmte Vorbilder wie Cluny in Burgund oder Hirsau hatte.
Gleichzeitig begann eine vorsichtige Erschließung der Umgebung. Erste Höfe entstanden, Wege wurden genutzt, und auch wirtschaftlich genutzte Almflächen wie die Geitauer Alm gehörten zum klösterlichen Besitz und blieben dauerhaft mit dem Kloster verbunden.
Trotz aller Bemühungen konnte sich das Kloster in Bayrischzell nicht dauerhaft halten. In der Klosterchronik beschrieb Bruder Konrad von Scheyern den Ort als „eine wüste Einsamkeit, die Heimat wilder Tiere und ein Drachenlager “.
Diese bildhafte Beschreibung verweist einerseits auf die als unwirtlich empfundene Umgebung, andererseits auf regionale Sagen, die sich bis heute in der Erzählung vom „Feurigen Tatzelwurm“ erhalten haben. Gemeint waren jedoch vor allem reale Schwierigkeiten: lange Winter, kurze Vegetationsperioden, Naturgefahren und eine begrenzte wirtschaftliche Grundlage. Um das Jahr 1085 verließen die Mönche Bayrischzell.
Nach dem Weggang aus Bayrischzell zog der Konvent zunächst in das laut Klosterchronik „günstiger gelegene Fischbachau“. Von dort aus folgten weitere Stationen – unter anderem auf dem Petersberg bei Dachau – bis die Gemeinschaft im Jahr 1119 ihren dauerhaften Standort in Scheyern fand.
Fischbachau blieb ebenso wie Bayrischzell dauerhaft mit dem Kloster Scheyern verbunden:
Als Propstei und Hofmark des Klosters umfasste es große Teile des oberen Leitzachtals bis über die heutigen Grenzen nach Tirol. In diesem Gebiet übte das Kloster Scheyern über Jahrhunderte Grundherrschaft, Niedergerichtsbarkeit und seelsorgerische Aufgaben aus. Diese Verbindung bestand bis zur Säkularisation im Jahr 1803.
Mit der Niederlassung in Scheyern wurde das Kloster zum frühen Hauskloster der Wittelsbacher und zur Grablege der ersten Generationen der Dynastie. Damit erhielt es eine besondere Bedeutung für das Selbstverständnis und die Erinnerungskultur der Familie.
Die geistliche Ausrichtung blieb den Reformideen verpflichtet, während sich die Rahmenbedingungen durch eine bessere Versorgung, festen Grundbesitz sowie die Nähe zur Stifterfamilie und zur weltlichen Herrschaft deutlich veränderten.
Bis heute ist das Kloster Scheyern ein aktiver Ort benediktinischen Lebens – geistliche Gemeinschaft, Bildungsstätte und religiöses Zentrum.
Bayrischzell selbst bewahrte die Erinnerung an diese frühe Klosterzeit. Flurnamen und Hofstrukturen zeugen von einer über Jahrhunderte hinweg bestehenden Verbindung zum Kloster Scheyern.
Nicht zuletzt schließt sich in der Neuzeit ein besonderer Kreis: Die Geitauer Alm gehört seit 2015 wieder zum Besitz des Klosters. Auch der heutige Klosterhof zur Post, ursprünglich 1751 als „Alter Wirt“ erwähnt und später als erste Poststation zum „Gasthof zur Post“ geworden, gehört seit 2020 wieder zum Kloster Scheyern. Er ist damit ein sichtbares Zeichen der erneuten Präsenz des Klosters Scheyern in Bayrischzell.
Bayrischzell bleibt jener Ort, an dem vor fast tausend Jahren eine Klostergeschichte begann, deren Spuren bis heute sichtbar sind.
Klosterhof zur Post
Schulstraße 3 · 83735 Bayrischzell
Tel: +49 (0) 8023 8197 10
info@klosterhof-zur-post.com
Klosterhofküche:
Freitag bis Mittwoch von 11:30 bis 21:00 Uhr und Donnerstags von 17:00 bis 21:00 Uhr